Schaden jetzt in Millionenhöhe
Von Peter Berger

BORKEN. Die mutmaßlichen Veruntreuungen im Fachbereich Soziales der Stadt Borken (die BZ berichtete) summieren sich inzwischen auf etwa 1,15 Millionen Euro.

Das bestätigte die Erste Beigeordnete Mechtild Schulze Hessing jetzt auf BZ-Anfrage. Die rathausinternen Ermittler hätten nach Auswertung von rund 100.000 Datensätzen bislang rund 3000 Auszahlungen, die ein Sachbearbeiter seit 2008 vorgenommen habe, als unrechtmäßig identifiziert. Das Geld wurde ausschließlich als so genannte einmalige Beihilfen gewährt, überwiegend für Asylbewerber, teils auch für Sozialhilfe-Empfänger. Seit 2008 hätten im Bereich Asyl mehr als 150 Personen unbegründete Hilfen erhalten, so Schulze Hessing. Auffällig seien die „ganz erheblichen Überzahlungen“ in etwa 30 Fällen. Das Motiv für die massenhaften Überweisungen ist weiter unklar. Der Sachbearbeiter ist suspendiert und seit Monaten in medizinischer Behandlung.

Ebenfalls nicht mehr im Dienst ist der Leiter des Fachbereichs. Auf Druck des Verwaltungsvorstands begab er sich in Altersteilzeit. Die Stelle wurde danach neu ausgeschrieben. Inzwischen ist eine Entscheidung gefallen. Der Nachfolger soll am 1. Dezember beginnen. Einen Namen nannte Schulze Hessing noch nicht.

Einen Großteil ihrer im Februar begonnenen Amtszeit muss sich die Erste Beigeordnete nun schon mit dem misslichen Thema herumschlagen. „Erste Auffälligkeiten wurden mir im März/April zugetragen“, sagt sie. Es ging um einen Vergleich mit Städten der Region. Dort wurden wie in Borken immer weniger Hilfe-Empfänger verzeichnet. Während aber in Warendorf und Ahaus parallel dazu auch die Ausgaben sanken, stiegen diese in Borken an.

Nach BZ-Informationen basiert der Vergleich auf Daten der Jahre 2005/06. Die Frage, ob es Verdachtsmomente vor ihrem Dienstantritt gegeben habe, könne sie nicht abschließend beantworten, so Schulze Hessing zur BZ: „Soweit ich weiß, ist vor meiner Zeit innerhalb des Dezernates B die Entwicklung der Höhe der Aufwendungen thematisiert worden.“ Vor Schulze Hessing waren für den Vorstandsbereich B der Stadtverwaltung Frank Fillbrunn, Rüdiger Middel sowie während der zwei Vakanzen Bürgermeister Rolf Lührmann verantwortlich. Ausgewertet sei bislang „nur“, so Schulze Hessing, der Zeitraum ab 2008, weil damals die Finanzabwicklung geändert wurde.

Rückblick: Die neue Erste Beigeordnete zieht, als sie im Frühjahr davon erfährt, weitere Zahlen heran. Sie zitiert den Fachbereichsleiter herbei und leitet später in Abstimmung mit dem Bürgermeister eine Überprüfung ein. Nachdem sich auf Anfrage der Stadt die Revision des Kreises für nicht zuständig erklärt, ergeht am 25. Mai der Auftrag an die städtische Rechnungsprüfer.

Dann ist Sommer.

Am 11. August kommt der Fachbereichsleiter auf die Erste Beigeordnete zu und erklärt, bei der Aufstellung der Zahlen für den Haushalt 2012 Unregelmäßigkeiten im Asylbewerberleistungsbereich entdeckt zu haben. Flugs wird eine Intensivprüfung gestartet. Vier Tage später, 12 Uhr mittags, liegen erste Ergebnisse auf dem Tisch: ungerechtfertigte Zahlungen an elf Adressen über insgesamt 200.000 Euro im Zeitraum Anfang 2010 bis Juli 2011.

Nun herrscht Alarmstufe rot: Es wird Anzeige erstattet, die Kripo eingeschaltet, das betreffende Büro versiegelt und durchsucht. Die mögliche Schadenssumme schnellt in die Höhe: 689.000 Euro. Gegen Sachbearbeiter und Fachbereichsleiter laufen Disziplinarverfahren. Der Fachbereich ist in heller Aufregung.

Die Fraktionsvorsitzenden werden am 24. August eingeweiht. Nichts soll nach außen dringen.

Dann ist Schützenfest.

In der intern im Verwaltungsvorstand aufgestellten Chronologie, die der BZ vorliegt, findet sich unter anderem noch dieser Hinweis: Die Presse solle, in Abstimmung mit der Staatsanwaltschaft, in diesem Fall „nicht aktiv angesprochen“ werden. Kommentar


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Borkener Zeitung 16.11.2011